August 10, 2026
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Wir stehen auf dem Kasernenareal an der Kanonengasse, Ecke Militärstrasse. Wir sind jetzt im Herbst 1918, eineinhalb Jahre nach Lenins Abreise. Der Erste Weltkrieg geht seinem Ende entgegen, die Spanische Grippe tötet auch in der Schweiz Zehntausende, Lebensmittel sind knapp, die Wut in den Arbeiter:innenvierteln wächst. Den Funken liefert, kurios genug, ausgerechnet die Bankenstadt selbst: Am 30. September und 1. Oktober 1918 streiken die Zürcher Bankangestellten, unterstützt von der lokalen Arbeiterunion. Für den bürgerlichen Regierungsrat ist das Alarmstufe Rot – er befürchtet einen regelrechten Aufstand und bittet den Bundesrat Ende Oktober um militärische Verstärkung. Auf Antrag von General Ulrich Wille beschliesst der Bundesrat, Truppen demonstrativ in Zürich aufmarschieren zu lassen. Am 6. November 1918 stehen bereits 8'000 Soldat:innen in der Stadt. Historiker:innen sind sich heute einig, dass Wille die Besetzung gezielt orchestrierte: Es ging ihm nicht nur um die Abwehr einer – wissenschaftlich im Nachhinein widerlegten – kommunistischen Umsturzgefahr, sondern ausdrücklich auch darum, der Arbeiterschaft «eine Lektion zu erteilen» und sie einzuschüchtern. Stell dir diesen Ort deshalb nicht als ruhige Kasernenwiese vor, sondern vollgestellt mit Infanteriebataillonen, Maschinengewehre in Stellung an manchen Strassenecken, Soldat:innen mit aufgepflanzten Bajonett auf den Trittbrettern der Strassenbahnen. Der Zürcher Regierungsrat verlegt seinen eigenen Sitz gleich in die Kaserne und tagt fortan unter Militärschutz – die Stadtregierung, die sich vor der eigenen Stadt verschanzt. Aus Protest gegen diesen Truppenaufmarsch ruft das Oltener Aktionskomitee, der nationale Führungsstab der organisierten Arbeiterschaft, für den 9. November 1918 einen eintägigen Proteststreik in 19 Städten aus – just an jenem Tag, an dem in Berlin der Kaiser abdankt und die Republik ausgerufen wird. In Zürich beschliesst die Arbeiterunion, den Streik unbefristet fortzusetzen. Was am Tag darauf, keinen Kilometer von hier entfernt, geschieht, erfährst du an der nächsten Station. Am 12. November ruft das Oltener Aktionskomitee schliesslich den landesweiten, unbefristeten Generalstreik aus – mit neun Forderungen: sofortige Neuwahl des Nationalrats nach dem neuen Proporzrecht, Frauenstimmrecht, allgemeine Arbeitspflicht, die 48-Stunden-Woche, eine Armeereform, gesicherte Lebensmittelversorgung, eine Alters- und Invalidenversicherung, ein staatliches Aussenhandelsmonopol und eine Vermögenssteuer gegen die Staatsschulden. Rund 250'000 Personen legen schweizweit die Arbeit nieder. In der Nacht vom 13. auf den 14. November bricht die Streikleitung die Aktion aus Angst vor einem Bürgerkrieg unter der Drohung eines Militäreinsatzes ab. Zwei Tage später liest man im «Volksrecht», der sozialdemokratischen Zeitung der Stadt, eine bittere Abrechnung des eigenen Chefredaktors mit der eigenen Streikleitung: Zwei Tage später stand im «Volksrecht», der sozialdemokratischen Zeitung, eine bittere Abrechnung des eigenen Chefredaktors: «Das Aktionskomitee war immer stark in grossen tönenden Worten, in bombastischen Drohungen. Es war ein Meister der theatralischen Regie. Aber es war nichts dahinter.» Doch der Abbruch bedeutet nicht das Ende der Gewalt. Ausgerechnet am letzten offiziellen Streiktag, dem 14. November, eskaliert die Lage im solothurnischen Grenchen: Soldaten des Füsilierbataillons 6 erschiessen in einer engen Gasse neben einem Restaurant drei junge Uhrmacher – von hinten, aus nächster Nähe, alle drei Schüsse trafen Rücken oder Hinterkopf. Das Militär wertete verbale Beleidigungen und Ungehorsam der jungen Männer im Nachhinein als ausreichenden Grund für den Schusswaffeneinsatz; die beteiligten Soldaten erhielten Belobigungen und Dankesbriefe, der Bundesrat lehnte jede Entschädigung für die Hinterbliebenen ab. Was folgt, ist insgesamt eine seltsam gespaltene Bilanz. Auf der einen Seite Repression: Die Militärjustiz eröffnet über 3'500 Verfahren, 147 Menschen werden verurteilt, die wichtigsten Streikführer:innen erhalten Haftstrafen. Auf der anderen Seite Reform: Bereits im selben Jahr wird die 48-Stunden-Woche eingeführt, kurz darauf entsteht jene Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften, die bis heute als Erfolgsmodell der Schweizer Wirtschaft gilt. 1919 zieht mit der Proporzwahl erstmals eine grosse sozialdemokratische Fraktion in den Nationalrat ein, und 1943 wird ausgerechnet jener «Volksrecht»-Chefredaktor, dessen bittere Zeilen du eben gelesen hast, als Ernst Nobs zum ersten SP-Bundesrat der Schweizer Geschichte gewählt. Niederlage und langfristiger Fortschritt, kaum trennbar ineinander verwoben – typisch Schweiz, könnte man mit einem Augenzwinkern sagen.
Host
Von hier aus führt uns der Weg weiter zum Volkshaus am Helvetiaplatz, etwa zehn Minuten entfernt. Dort gehen wir der Frage nach, wie dieser Generalstreik das Land bis heute prägt.