August 10, 2026
Host
Stell dir die grosse Halle des Zürcher Hauptbahnhofs vor, 1917. Der Geruch von Kohle und nassem Mantelstoff, Stimmengewirr in vielen Sprachen. Zürich ist auch voller Menschen, die wegen des Krieges nicht weiterreisen können, Gestrandete aus ganz Europa. Am Abend des 9. April 1917 sitzt eine kleine Gruppe im Restaurant Zähringerhof, ganz in der Nähe. Ein 47-jähriger Russe mit auffallend kahlem Kopf und stechendem Blick ist der Mittelpunkt: Wladimir Iljitsch Uljanow, besser bekannt als Lenin. Neben ihm seine Frau Nadeschda Krupskaja und einige Genossen. Es ist ein Abschiedsessen. Man hebt die Gläser, mit gemischten Gefühlen. Man kennt sich seit Monaten aus denselben Lesesälen und Kaffeehäusern der Stadt. Der Leiter der Zürcher Zentralstelle für soziale Literatur ist dabei, in dessen Lesesaal Lenin fast täglich gearbeitet hat.
Guest
Wenig später besteigt die Gruppe, rund 30 Revolutionäre, Bolschewiki und Menschewiki, hier am Hauptbahnhof einen Zug Richtung Schaffhausen. Der Schweizer Sozialdemokrat Robert Grimm hat mit der deutschen Regierung die Durchreise ausgehandelt. Der Wagen soll als exterritorial gelten, damit niemand behaupten kann, die Revolutionäre hätten auf deutschem Boden Kontakt gehabt. Bis heute hält sich der Mythos vom plombierten Zug. Neuere Untersuchungen zeigen, dass es historisch nicht ganz zutrifft, aber das Bild vom versiegelten Waggon, der die Revolution nach Osten schmuggelt, ist einfach zu gut, um zu verschwinden. Die Reise geht über Deutschland, die Ostsee und Schweden. Am 16. April erreicht Lenin den Finnlandbahnhof in Petrograd. Keine sieben Monate später ist die Oktoberrevolution Tatsache. Zehn Tage nach seiner Ankunft schreibt er das Vorwort zu seinem Buch, das er in Zürich fertiggestellt hatte.
Host
In diesem Vorwort beklagt er die durch die zaristische Zensur entstellten, zusammengequetschten Stellen. Er schreibt: 'Es fällt schwer, jetzt, in den Tagen der Freiheit, diese ... in einen eisernen Schraubstock gepressten Stellen der Broschüre wieder zu lesen.' Das 'langweilige Städtchen' Schweiz, wie Lenin es nannte, wurde so, ziemlich unfreiwillig, zum Startpunkt einer Weltrevolution. Und eine andere Figur dieser Geschichte, Rosa Luxemburg, bereitete zur gleichen Zeit nur wenige hundert Meter entfernt ihre eigene, ganz andere Revolution vor. Über sie werden wir am Ende dieses Guides wieder, an den Stationen 10 und 11. noch mehr erfahren.
Guest
Weiter geht es die Bahnhofstrasse hinunter, dann rechts Richtung Kasernenareal, wo dich der zweite Posten erwartet.