June 23, 2026
Host
Willkommen zu einer neuen Ausgabe von 'Let's talk about ES'. Heute widmen wir uns einem Thema, das in der interventionellen Kardiologie gerade für ordentlich Gesprächsstoff sorgt. Es geht um die optimale Versorgung von Frauen mit Aortenstenose, insbesondere wenn sie einen kleinen Klappenanulus haben. Wir schauen uns heute ganz genau an, warum die ballonexpandierbare Klappe, also die BEV, in der klinischen Realität oft die Nase vorn hat, auch wenn die reinen Flusswerte auf dem Papier manchmal etwas anderes suggerieren.
Guest
Hallo! Ja, das ist ein absolut kritisches Thema. Wir haben jahrelang darüber debattiert, ob die Hämodynamik, also der Druckgradient und die Öffnungsfläche, das Maß aller Dinge sind. Aber die aktuelle Datenlage, besonders die neuen 7-Jahres-Ergebnisse aus dem OCEAN-TAVI-Register, zwingt uns dazu, unsere Prioritäten zu überdenken. Es geht schließlich nicht nur um schöne Ultraschallbilder, sondern darum, wie lange und wie gut unsere Patientinnen tatsächlich leben.
Host
Genau das ist der Punkt. Wenn wir uns diese Langzeitdaten ansehen, die Frauen über sieben Jahre begleitet haben – was war da für dich der markanteste Befund? Wir reden hier ja von einer Patientengruppe, bei der fast 90 Prozent einen sehr kleinen Anulus haben. Da müsste doch eigentlich die selbstexpandierende Klappe, die SEV, durch ihre supra-annuläre Bauweise theoretisch im Vorteil sein, oder?
Guest
Theoretisch ja, äh, und das sehen wir auch in den Echokardiographien. Die SEV-Klappen haben einen niedrigeren Druckgradienten und eine größere effektive Öffnungsfläche. Aber – und das ist das große Aber – das übersetzt sich nicht in ein besseres Überleben. Im Gegenteil. In der Propensity-Score-Matching-Analyse der OCEAN-TAVI-Studie war die Gesamtmortalität bei den ballonexpandierbaren Klappen mit 51,5 Prozent signifikant niedriger als bei den selbstexpandierenden mit 57,4 Prozent. Das ist ein massiver Unterschied im klinischen Outcome.
Host
Das ist in der Tat beeindruckend. Über fünf Prozent Unterschied in der Sterblichkeit nach sieben Jahren zugunsten der BEV. Das wirft natürlich die Frage auf: Warum ist das so? Wenn die SEV doch 'bessere' Flusswerte liefert, warum sterben die Patientinnen häufiger? Liegt es an den Komplikationen direkt nach dem Eingriff oder ist es ein schleichender Prozess?
Guest
Es ist eine Kombination aus beidem. Schauen wir uns die Akutphase an. Die Studie zeigt deutlich, dass die SEV-Gruppe eine höhere Rate an lebensbedrohlichen und schweren Blutungen hatte – 9,5 Prozent gegenüber nur 6,6 Prozent bei den ballonexpandierbaren Klappen. Noch gravierender ist der Unterschied bei den Schlaganfällen. Die Rate an behindernden Schlaganfällen war bei den selbstexpandierenden Klappen fast dreimal so hoch. Wissen Sie, das sind Komplikationen, von denen sich eine 85-jährige Patientin oft nicht mehr erholt.
Host
Und vergessen wir nicht die Herzschrittmacher. Das ist ja oft der Elefant im Raum bei den selbstexpandierenden Systemen. Durch die ständige Expansionskraft, die sie auf das Reizleitungssystem ausüben, ist die Rate an neuen Schrittmacher-Implantationen deutlich höher. In der Studie waren es 11,7 Prozent bei SEV gegenüber nur 7,8 Prozent bei BEV. Ein Schrittmacher bei einer älteren Patientin ist ja kein harmloser Eingriff, sondern erhöht das Risiko für Herzinsuffizienz und Infektionen langfristig enorm.
Guest
Absolut richtig. Und hier kommt die Präzision der ballonexpandierbaren Klappe ins Spiel. Bei einer BEV haben wir eine Eins-zu-eins-Kontrolle während der Implantation. Wir platzieren sie genau dort, wo sie hin soll. Die selbstexpandierenden Klappen neigen beim Entfalten manchmal zu einem gewissen 'Jump' oder einer unvorhersehbaren Positionierung. Das führt nicht nur zu mehr Schrittmachern, sondern oft auch zu mehr paravalvulären Leckagen, also PVL.
Host
Aber Moment mal, die Studie sagt doch, dass der Unterschied bei den Leckagen nach einem Jahr gar nicht mehr so groß war. Am Anfang hatte die BEV zwar deutlich weniger PVL, aber das hat sich mit der Zeit angeglichen. Ist das dann wirklich ein Argument für die ballonexpandierbare Klappe?
Guest
Ich würde sagen: Ja. Denn die initiale Abdichtung ist entscheidend für die Erholung des linken Ventrikels unmittelbar nach dem Eingriff. Die BEV bietet durch ihr Design eine exzellente radiale Kraft genau in der Ringebene. Dass die SEV-Werte sich später angleichen, liegt oft daran, dass Patientinnen mit schweren Leckagen schlichtweg früher versterben und somit aus der Statistik fallen. Das ist der sogenannte 'Survivor Bias'. Die BEV liefert von Tag eins an ein stabiles, dichtes Ergebnis.
Host
Ein sehr wichtiger Punkt. Lassen Sie uns noch einmal auf das Schlaganfallrisiko zurückkommen. 16,7 Prozent Schlaganfallrate nach sieben Jahren bei den selbstexpandierenden Klappen gegenüber nur 10,8 Prozent bei den ballonexpandierbaren. Das ist statistisch hochsignifikant. Woran liegt das? Ist es das Material, das Trauma beim Positionieren oder vielleicht die längere Prozedurzeit?
Guest
Es ist wahrscheinlich eine Mischung. Bei selbstexpandierenden Klappen muss man oft häufiger repositionieren. Jedes Mal, wenn man die Klappe wieder einfängt und neu schiebt, steigt das Risiko, Kalkmaterial von der verkalkten Aortenklappe abzulösen, das dann in den Kopf wandert. Die BEV wird einmal platziert, aufgeblasen, fertig. Zudem ist das Profil der Zuführsysteme bei modernen BEVs oft kleiner und die Handhabung im oft gewundenen Gefäßsystem älterer Frauen einfacher.
Host
Viele Kritiker der ballonexpandierbaren Klappen führen ja immer das Risiko eines 'Prosthesis-Patient Mismatch', also PPM, ins Feld, besonders bei kleinen Anuli. Sie sagen, die Klappe sei zu klein für den Körper. Aber wenn ich mir die OCEAN-TAVI-Daten ansehe, scheint schweres PPM in dieser japanischen Kohorte extrem selten zu sein, oder? Nur etwa zwei Prozent.
Guest
Ja, das ist fast schon ironisch. Wir jagen einem hämodynamischen Gespenst hinterher, während die Patientinnen an Schlaganfällen und Blutungen sterben. Bei Frauen mit kleiner Körperoberfläche, wie wir sie oft in Asien, aber auch zunehmend bei uns sehen, ist ein moderates PPM klinisch oft völlig irrelevant. Die Studie zeigt schwarz auf weiß: Ein höherer Gradient bei der BEV korreliert nicht mit einer höheren Sterblichkeit. Die Patientinnen fühlen sich trotzdem besser, weil die Stenose beseitigt ist, aber ohne die Komplikationslast der SEV.
Host
Apropos 'fühlen'. Es gab da ein interessantes Detail in den Daten: Bei der Entlassung hatten tatsächlich mehr Patientinnen in der BEV-Gruppe noch Symptome der NYHA-Klasse drei oder vier als in der SEV-Gruppe. Könnte man das nicht als Nachteil auslegen? Dass die hämodynamische Leistung der BEV am Anfang nicht ausreicht?
Guest
Das muss man im Kontext sehen. Die BEV-Patientinnen wurden im Schnitt früher entlassen. Sie hatten weniger Komplikationen, waren also schneller 'fertig' für die Entlassung, hatten aber vielleicht noch nicht die volle Zeit zur Rekonvaleszenz im Krankenhaus. Langfristig gab es bei den Rehospitalisierungen wegen Herzinsuffizienz absolut keinen Unterschied zwischen den Gruppen. Das bedeutet, die BEV ist stabil und zuverlässig. Die kurzfristige NYHA-Einstufung bei Entlassung ist da eher eine Momentaufnahme der Logistik.
Host
Es scheint also darauf hinauszulaufen, dass 'Safety First' das entscheidende Motto ist. Wenn ich eine Klappe wähle, die präziser zu setzen ist, weniger Schlaganfälle verursacht, seltener zu schweren Blutungen führt und das Reizleitungssystem schont, dann nehme ich einen etwas höheren Druckgradienten gerne in Kauf. Vor allem, wenn die Langzeitdaten zeigen, dass diese Patientinnen am Ende länger leben.
Guest
Ganz genau! Wir müssen weg von der reinen 'Echokardiographie-Kosmetik'. Wenn ich eine 80- oder 85-jährige Frau vor mir habe, ist mein primäres Ziel, sie sicher durch die Prozedur zu bringen und ihr Jahre ohne Schlaganfall oder neuen Schrittmacher zu schenken. Die ballonexpandierbare Klappe bietet genau diese Vorhersehbarkeit. Die SEV ist in diesem Sinne 'nicht gut', weil sie ein höheres Risiko für Komplikationen mitbringt, ohne einen echten Überlebensvorteil durch ihre bessere Hämodynamik zu bieten.
Host
Nun könnte ein Skeptiker sagen: 'Aber in der multivariablen Analyse war der Klappentyp kein unabhängiger Prädiktor für die Sterblichkeit.' Wie gehen wir mit diesem statistischen Einwand um? Macht es am Ende doch keinen Unterschied, welche Klappe wir nehmen?
Guest
Statistik ist ein Werkzeug, kein Dogma. In einer multivariablen Analyse werden viele Faktoren 'glattgebügelt'. Aber wenn wir uns die gematchten Gruppen ansehen – also Patientinnen, die fast identisch sind –, dann sehen wir den Vorteil der BEV sehr deutlich. Zudem wissen wir, dass SEVs oft bei Patientinnen mit schwierigen Gefäßzugängen gewählt wurden, was die Ergebnisse der SEV natürlich belastet. Aber gerade das spricht doch für die BEV: Wo wir sie einsetzen können, sollten wir es tun, weil sie das sicherere Profil hat.
Host
Sieben Jahre sind eine lange Zeit für diese Altersgruppe. Dass wir überhaupt Daten über so einen Zeitraum haben, ist beeindruckend. Es zeigt uns, dass die Klappenhaltbarkeit bei BEV exzellent ist. Es gab in der gesamten Studie nur drei Re-Interventionen, und alle waren in der BEV-Gruppe, aber das bei einer viel größeren Gesamtzahl an Patienten. Das spricht doch für eine enorme strukturelle Integrität, oder?
Guest
Absolut. Drei Fälle von über 1800 – das ist verschwindend gering. Die ballonexpandierbare Klappe hat sich als extrem robust erwiesen. Wir müssen uns also keine Sorgen machen, dass die Klappe nach ein paar Jahren schlapp macht, nur weil sie mit einem Ballon aufgedehnt wurde. Im Gegenteil, die mechanische Stabilität ist einer ihrer größten Pluspunkte.
Host
Wenn wir das alles zusammenfassen: Wir haben eine Patientengruppe, meist Frauen, oft zierlich, kleiner Anulus. Wir haben die Wahl zwischen einer Klappe, die im Ultraschall super aussieht, aber mehr Komplikationen macht, und einer Klappe, die vielleicht einen etwas höheren Gradienten hat, aber die Patientin sicherer leben lässt. Für mich klingt die Entscheidung pro BEV da fast schon zwingend.
Guest
Es ist eine Entscheidung für die klinische Evidenz. Wir behandeln Menschen, keine Messwerte. Die OCEAN-TAVI-Daten sind ein starkes Plädoyer für die ballonexpandierbare Klappe als Standardtherapie bei Frauen mit kleinem Anulus. Wir minimieren das Schlaganfallrisiko, wir minimieren das Schrittmacherrisiko und wir verbessern das langfristige Überleben. Das ist es, was zählt.
Host
Ein perfektes Schlusswort. Vielen Dank für diese tiefen Einblicke in die Datenwelt der TAVI. Es ist klar geworden: Präzision und Sicherheit schlagen theoretische Flussvorteile. Das war 'Let's talk about ES' für heute. Bleiben Sie kritisch, schauen Sie auf die Langzeitdaten und bis zum nächsten Mal!